Der lange Weg zur Schule

10. April 2018

Im September kommt Theo in die Schule. Leider wissen wir immer noch nicht, in welche. Dabei sind wir seit Monaten auf der Suche nach einer Schule, die Theo nimmt.

Wer in Bayern ein Kind mit Behinderung in der Grundschule anmelden will, sollte Zeit mitbringen. Viel Zeit. Und starke Nerven, denn das Anmelden klappt kaum auf Anhieb. Geht es nach dem bayerischen Zukunftsministerium, wie sich das Ministerium für Arbeit und Soziales nennt, ist die Sache ganz einfach. „Uns ist an einem guten Übergang in die Schule gelegen. In unserem gegliederten Schulsystem bekommen alle die richtige Förderung - auch Schülerinnen und Schüler mit praktischer Veranlagung“, heißt es auf der Website euphemistisch. Der Weg zu dieser Förderung ist eine Odyssee.

Im Jahr 2011 hat Bayern die Inklusion ins Schulgesetz geschrieben. Seitdem hat jedes Kind das Recht auf inklusiven Unterricht. Das gilt selbstverständlich für alle Kinder, nicht nur für Kinder mit einer Behinderung. Allen tut es schließlich gut, mit Freunden und Nachbarskindern zusammen zur Schule zu gehen. Für Kinder mit Behinderung ist das gerade in Bayern besonders schwierig. Staatsregierung und Kultusministerium, die es sich mit der Förderschullobby nicht verderben wollten, haben den Lernort Förderschule kurzerhand zum bayerischen Weg der Inklusion erklärt. Damit entspreche man voll und ganz den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention.

Das Deutsche Institut für Menschenrechte sieht das anders. „Die Aufrechterhaltung eines Sonderschulsystems neben der Regelschule ist nicht mit der UN-Behindertenrechtskonvention in Einklang zu bringen“, heißt es in einer Pressemitteilung vom September 2017. Und der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat 2016 die „Allgemeinen Bemerkungen Nr. 4“ formuliert, in denen er beschreibt, wie der Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention auszulegen ist, also der Artikel, der sich mit Bildung befasst. Sehr kurz zusammengefasst sagt der UN-Ausschuss: Um einen tiefgreifenden Wandel des Bildungssystems kommt kein Land herum. Und die Bildungsministerien müssen sicherstellen, dass alle Mittel in die inklusive Bildung fließen. Das gilt auch für Bayern. Leider hat der UN-Ausschuss das nicht ausdrücklich dazugeschrieben. Wäre besser gewesen, dann könnte die Staatsregierung sich nicht ganz so leicht drücken.

Würde die Schulanmeldung eines behinderten Kindes in Bayern so laufen, wie es eigentlich gedacht ist, würden wir im März oder April zur Grundschule in unserem Sprengel gehen und Theo dort anmelden. Die Schulleitung würde zusammen mit uns überlegen, welche Klasse zu Theo passt und was er eventuell an besonderen Vorkehrungen braucht. Vorkehrungen, damit er ganz normal dabei sein kann. Ab September würde er dann in unsere Grundschule gehen, zusammen mit den Kindern aus der Nachbarschaft.

So ist es aber nicht. Zwar sagt keine Schulleiterin und kein Schulleiter, die Schule nehme kein Kind mit Behinderung auf. Wirklich begeistert sind aber die allerwenigsten, wenn man mit einem Downkind vor der Tür steht. Eltern eines behinderten Kindes hören schon mal, dass sie selbstverständlich das Recht hätten, ihr Kind in der zuständigen Grundschule anzumelden. Leider, leider habe man allerdings weder die Zeit noch das Know-how, sich dem Kind so zu widmen, wie das nötig wäre, damit es wirklich profitiert. Und da seien ja auch noch die vielen Flüchtlingskinder ... Die Eltern möchte ich sehen, die es dann noch wagen, ihr Kind an dieser Schule anzumelden. Zumal sie sich aus eigener Erfahrung nicht vorstellen können, wie eine „normale“ Schule Kinder mit Behinderung fördert.

Das Kultusministerium ist stolz, dass die Eltern zwischen Förderschule und allgemeiner Schule wählen können. Das gilt nur für Eltern mit behinderten Kindern und ist schon von daher ungerecht. Was den Eltern allerdings niemand sagt: Das Recht auf inklusive Bildung ist ein Recht des Kindes, nicht der Eltern. Die Schulverwaltung müsste also schon von daher alles unternehmen, für jedes Kind eine allgemeine Schule zu finden. Aber es gibt doch Eltern, die ihr Kind bewusst zur Förderschule schicken? Machen wir uns nichts vor: Eltern wählen nicht die Förderschule. Sie wählen die Schule, die die besten Voraussetzungen bietet. So lange Förderschulen sachlich und personell viel besser ausgestattet sind als allgemeine Schulen, ist das eben doch oft wieder die Förderschule. So erhält man das Sonderschulsystem und damit eine teure Doppelstruktur und verhindert, dass Inklusion in der allgemeinen Schule vernünftig ausgestattet wird. Woraufhin Eltern sich wiederum für die Förderschule entscheiden. Ein Teufelskreis.

Wir wollen den Teufelskreis durchbrechen. Theo soll nicht auf eine Förderschule. Wir haben bei vielen Schulen angeklopft, öffentlichen und privaten, aber noch keine Zusage. Der Weg von der integrativen Kita zur Schule ist lang. Bis in Bayern jedes Kind die Grundschule um die Ecke besucht, wird es noch dauern. Inklusion ist die größte Baustelle der bayerischen Bildungspolitik. Sie bleibt es, wenn wir Schule nicht radikal neu denken. Radikal neu heißt: Kinder nicht nach vermeintlicher Leistungsfähigkeit vorsortieren und jedes Kind individuell fördern. Dafür braucht es keine getrennten Schularten, so viele verschiedene gäbe es gar nicht. Voneinander lernen können Kinder am besten, wenn sie gemeinsam lernen - in einer Schule für alle.

von Isabell Zacharias

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