Kolumne: Das Wunschkind

08. August 2017

„Downsyndrom: Neun von zehn Frauen treiben ab“, hieß wieder einmal die Schlagzeile zum Welt-Down-Syndrom-Tag. Es ist schwer, das nicht als Vorwurf zu lesen. Frauen wird gern unterstellt, aus egoistischen Motiven abzutreiben. Das geht bis zu der Behauptung, Eltern akzeptierten bei ihrem Baby nicht einmal eine falsche Augenfarbe, von Krankheiten ganz zu schweigen. Der Trend gehe zum Designbaby.

Das ist heftig. Und falsch. Wie viele Kinder mit Downsyndrom in Deutschland abgetrieben werden, weiß niemand. Der Abtreibungsgrund wird nicht erfasst. Man weiß zwar, dass drei Prozent aller Abbrüche medizinische Gründe haben, zum Beispiel Trisomie 21. Man weiß auch, dass neun von zehn Frauen nach einem positiven Down-Test abtreiben. Wie viele sich testen lassen, weiß man nicht. Als ich mit meinem Downkind Theo schwanger war, war Abtreibung keine Option. Soll ich mich deshalb für moralisch überlegen halten? Sicher nicht. Schon gar nicht als Frauenrechtlerin. Mühsam haben wir das Recht erkämpft, selbst über unseren Körper zu bestimmen. Wenn wir das jetzt in Frage stellen, drehen wir die Geschichte um Jahrzehnte zurück. Ob sie ihr Kind zur Welt bringt oder abtreibt, kann eine Frau nur selbst entscheiden. Es gibt dabei kein richtig oder falsch. Nicht jede Frau hat die Kraft, den Alltag mit einem behinderten Kind durchzustehen. Und wer kümmert sich um ihr Kind, wenn sie nicht mehr da ist? Abtreibung kann eine verantwortungsbewusste Entscheidung sein. Eine Gesellschaft, die von Inklusion noch derart weit entfernt ist wie unsere, sollte sich mit Vorwürfen zurückzuhalten und stattdessen lieber Barrieren abbauen. Als erstes bitte die Buchbinder-Wanninger-Barriere: Immer wieder hänge ich in Verwaltungsschleifen fest, wenn ich herausfinden will, welche Rechte und Möglichkeiten Theo hat. Das kostet uns beide Lebenszeit. Im Bundesteilhabegesetz steht jetzt, dass ich alle Infos an einer Stelle erhalte. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Isabell Zacharias (Erschienen im L.I.E.S. 2/2017 der Lebenshilfe München)

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