Abgeordnetenbrief November 2018

Abgeordnetenbrief

Aufstehen, Krönchen richten, vielleicht noch die Nase pudern, auch wenn Nasepudern doppeldeutig ist ... Engländer fallen, sprichwörtlich gesehen, sieben Mal hin und stehen achtmal wieder auf. Jede Kultur hat ihre eigenen Lebensweisheiten für den Umgang mit Enttäuschungen. Völlig überraschend aus dem Landtag zu fliegen ist mit „Enttäuschung“ nur unzulänglich beschrieben. Es ist wie nach einem Trauerfall: Die ersten Tage ist so viel zu organisieren, dass zum Nachdenken keine Zeit bleibt. Dann fällt man in ein Loch, und schließlich beginnt ein anderes Leben.

Ein Leben mit mehr Zeit. Für die Familie, und endlich auch mal wieder dafür, die Zeitung von vorn bis hinten zu lesen. Einschließlich des Anzeigenteils, was ich seit gefühlt 15 Jahren nicht mehr getan habe. Und da hat sich doch Einiges geändert. Nehmen Sie die Stellengesuche in der Süddeutschen vom Wochenende: ein diszipliniertes Hauswirtschafterehepaar, ein Autoverkäufer für die USA, eine Sekretärin und ein 64-jähriger Tiroler mit „stark sozialer Einstellung“. Das war es dann schon fast.

Nun bin auch ich auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Was hätte ich denn in eine solche Anzeige geschrieben? 53-jährige Ökotrophologin mit Erfahrung aus 25 Jahren Familienmanagement, 17 Jahren Ehrenamt und zehn Jahren als Politikerin und Arbeitgeberin sucht Tätigkeit, bei der sie ihre Stärken einbringen kann. Allein schon, was ich als Abgeordnete alles gelernt habe! Protest gegen Studiengebühren organisiert; trotz massiven öffentlichen Widerstands Scientology im Haus der Kunst aufgedeckt; im extrem männerlastigen Landtag immer wieder Frauenrechte verteidigt und den politischen Gegner mit meinem norddeutschem Sprachgebrauch gelegentlich auf die Palme gebracht. Dabei ist ein Knilch gar nichts Schlimmes – nullinger.

Zehn Jahre in der Politik sind, das kann ich rückblickend sagen, wie 20 Jahre in einem normalen Job. Wo sonst hätte ich so viele unterschiedliche Menschen getroffen? Menschen, die meinen Horizont erweitert und mir die Möglichkeit gegeben haben, mich mit Verfechtern konträrer Positionen auseinander- und manchmal am Ende auch zusammenzusetzen? Ich habe Freunde gefunden, wo ich keine gesucht habe, und bin dankbar für ihre Unterstützung. Ich danke meinem großartigen Team, das zu unzumutbaren Zeiten unerfüllbare Aufgaben doch noch erfüllt hat. Ich danke meinen Kindern, die so oft ohne die Mama auskommen mussten.

Nicht zuletzt danke ich Ihnen, die Sie mich wohlwollend durch 119 Monatsbriefe begleitet haben. Machen Sie’s gut und lassen Sie gelegentlich von sich hören.

Ihre Isabell Zacharias